Von Dampf zu elektrisch: Pfade zur Dekarbonisierung der Wärme

Die Umstellung von fossilem Dampf auf elektrische Wärmeerzeugung gilt als zentraler Hebel, um Prozesswärme in Deutschland zu dekarbonisieren. Moderne Hochtemperatur-Wärmepumpen können Abwärme nutzen, Temperaturen für industrielle Prozesse anheben und so Emissionen sowie Energieeinsatz reduzieren. Dieser Beitrag erklärt Technologien, Einsatzfelder und Berechnungsansätze.

Von Dampf zu elektrisch: Pfade zur Dekarbonisierung der Wärme

Die Dekarbonisierung von Wärme erfordert weit mehr als den Austausch von Kesseln. Entscheidend ist die systematische Nutzung von Abwärme, die Elektrifizierung mit erneuerbarem Strom sowie eine intelligente Einbindung in Produktionsprozesse und lokale Netze. Hochtemperatur-Wärmepumpen (HTWP) können hier eine Brücke schlagen: Sie heben vorhandene Niedertemperatur-Abwärme auf nutzbare Prozessniveaus an und ersetzen damit einen Teil der fossilen Dampferzeugung. Richtig ausgelegt, senken sie sowohl CO2-Emissionen als auch Betriebskosten und stärken die Resilienz gegenüber volatilen Brennstoffpreisen.

Hochtemperatur Wärmepumpe: Wie funktioniert sie?

Hochtemperatur-Wärmepumpen nutzen einen thermodynamischen Kreisprozess, um Wärme von einem niedrigeren auf ein höheres Temperaturniveau zu bringen. Als Wärmequellen dienen häufig Kühlwassernetze, Abluft, Kondensat oder Umgebungswärme. Im Verdichter wird ein Kältemittel komprimiert, dessen Temperatur dadurch steigt. Über den Verflüssiger wird die Wärme an den Prozess abgegeben; im Expansionsventil sinken Druck und Temperatur erneut. Moderne Systeme erreichen Vorlauftemperaturen von etwa 100 bis 160 °C, einzelne Lösungen auch darüber, sofern Quelle, Kältemittel und Verdichtertechnologie darauf ausgelegt sind. Entscheidend für Effizienz und Lebensdauer sind geringe Temperaturhubdifferenzen, eine stabile Quellentemperatur und die korrekte Integration in bestehende Leitungs- und Regelungstechnik.

CO2 Hochtemperatur Wärmepumpe: Medium und Einsatz

Die CO2 Hochtemperatur Wärmepumpe (R744) arbeitet häufig transkritisch und eignet sich besonders, wenn relativ hohe Vorlauftemperaturen und niedrige Rücklauftemperaturen gefordert sind, etwa bei hygienischen Warmwasseranwendungen oder bestimmten Prozessschritten. CO2 ist nicht brennbar und hat ein sehr geringes Treibhauspotenzial als Kältemittel im Vergleich zu vielen fluorierten Stoffen. Allerdings erfordert der hohe Betriebsdruck eine entsprechende Auslegung von Komponenten und Sicherheitstechnik. In passenden Anwendungen können CO2-Systeme Temperaturbereiche von ungefähr 80 bis 120+ °C effizient bedienen und dabei vorhandene Abwärmequellen optimal nutzen. Die Auswahl des Kältemittels bleibt stets projektspezifisch: Neben CO2 kommen auch Ammoniak, Wasser/Dampf, Kohlenwasserstoffe oder HFOs in Betracht, abhängig von Temperaturziel, Sicherheitsanforderungen und Genehmigungslage.

Hochtemperatur Wärmepumpe Stromverbrauch realistisch?

Der Strombedarf hängt wesentlich von der Temperaturdifferenz zwischen Quelle und Senke sowie vom geforderten Volumenstrom ab. Ein zentraler Kennwert ist die Leistungszahl (COP). Liegt die Quellentemperatur etwa bei 40 °C und der Vorlauf soll 120 °C erreichen, resultieren in der Praxis – je nach System – COP-Werte im Bereich von grob 2 bis 4. Das bedeutet: Für 1 MWh nutzbare Wärme werden etwa 0,25 bis 0,5 MWh Strom benötigt. Sinken die Quellentemperaturen im Winter oder steigt das Zielniveau, reduziert sich der COP. Umgekehrt erhöhen stabile, höhere Quelltemperaturen und eine sorgfältige hydraulische Einbindung die Effizienz. Für Jahresvergleiche ist die Jahresarbeitszahl (JAZ) aussagekräftiger als Momentanwerte, da sie Teillast, Stillstände und Regelstrategien abbildet.

Hochtemperatur Wärmepumpe Industrie: Wo lohnt sich das?

In der Industrie bieten sich besonders Prozesse mit konstanter Abwärme und moderaten Zieltemperaturen an: Lebensmittel- und Getränkeproduktion, Papier- und Zellstoff, Textil, Pharma sowie Teile der chemischen Industrie. Typische Anwendungen sind Trocknung, Waschen, Pasteurisation, Vorwärmen von Speisewasser oder die Rückspeisung in Heißwasser- und Niederdruck-Dampfsysteme. Erfolgsfaktoren sind eine Pinch-Analyse zur Identifikation von Wärmequellen und -senken, Temperaturkaskaden, sowie Puffer- oder Heißwasserspeicher, die Lastspitzen glätten und die Nutzung von günstigem, erneuerbarem Strom begünstigen. Häufig entstehen hybride Konzepte: Das bestehende Dampfsystem deckt Spitzenlasten, während die Wärmepumpe die Grundlast übernimmt. So lassen sich Emissionen reduzieren, ohne Produktionssicherheit zu gefährden.

Wärmepumpe Rechner: Was lässt sich kalkulieren?

Ein Wärmepumpe Rechner kann die erste Orientierung liefern, ersetzt aber keine detaillierte Planung. Sinnvolle Eingaben sind: stündliche oder zumindest saisonale Lastgänge, Quell- und Zieltemperaturen, Rücklauftemperaturen, geforderte Volumenströme, Betriebsstunden, verfügbare Abwärme, Netzrestriktionen sowie Strommix und CO2-Faktoren. Gute Modelle bilden Teillastwirkungsgrade ab, berücksichtigen Pumpen- und Ventilatorleistungen sowie Speicherverluste. Für eine wirtschaftliche Betrachtung werden zusätzlich Stromtarife (z. B. zeitvariable Preise), mögliche Netzentgelte, Wartung, sowie potenzielle Erlöse aus Lastflexibilität einbezogen. Für Anlagen in Ihrer Region ist es wichtig, lokale Dienstleistungen für Hydraulik, Regelung und Wartung einzuplanen, damit die berechneten Effizienzen auch im Realbetrieb erreichbar sind.

Abseits der reinen Gerätekunde entscheidet die Systemintegration über den Erfolg. Eine klare Priorität ist die Absenkung unnötig hoher Prozesstemperaturen, etwa durch bessere Wärmetauscher, Isolierungen und Prozessführung. Je niedriger die Zieltemperatur, desto höher der COP. Zweitens lohnt die Bündelung mehrerer Abwärmequellen in zentralen Sammelkreisen mit stabilen Temperaturen. Drittens kann thermische Speicherung die Wärmepumpe netzdienlich machen: Sie arbeitet, wenn viel erneuerbarer Strom verfügbar ist, und speist Wärme in Speicher oder Heißwassernetze ein. Auch die Kopplung mit Photovoltaik oder regionaler erneuerbarer Erzeugung stärkt die Dekarbonisierung, insbesondere wenn die Regelung Lastverschiebungen zulässt.

Der Übergang von Dampf zu elektrisch erfolgt typischerweise in Etappen. Pilotanlagen reduzieren technische Risiken, liefern Messdaten und schaffen Akzeptanz in der Produktion. Auf Basis realer Betriebsdaten werden Anlagengröße, Speicher, Rücklauftemperaturen und Regelstrategien iterativ optimiert. Parallel sind Genehmigung, Sicherheit, Brandschutz und Qualifizierung des Betriebspersonals zu klären. Eine sorgfältige Dokumentation erleichtert den späteren Ausbau auf weitere Linien oder Standorte und unterstützt die Beschaffung von Komponenten und lokalen Services.

Am Ende zählt die Gesamtsicht: Emissionen, Energieverbräuche, Kostenstruktur, Versorgungs- und Produktionssicherheit. Hochtemperatur-Wärmepumpen sind kein Allheilmittel, aber ein zentraler Baustein auf dem Weg zur klimafreundlichen Prozesswärme in Deutschland. In Verbindung mit Abwärmenutzung, Effizienzsteigerungen und einem zunehmend erneuerbaren Stromsystem entsteht ein robuster Pfad von fossil befeuertem Dampf hin zu elektrischer, intelligent regelbarer Wärme.